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Markus Kupferblum

Die Philosophie der Clowns

Clowns sind Menschen, die uns zum Lachen bringen, ohne daß sie es wollen.

Aber was ist es, was wir so lustig finden?

Sie sind in vielerlei Hinsicht Kinder geblieben sind.

- sie spielen mit allem, was ihnen zwischen die Finger kommt,

- sie handeln immer mit der besten Intention,

- sie antizipieren die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht, sondern werden von ihnen im Moment ihres Eintreffens überrascht,

- sie erkennen gesellschaftliche Tabus nicht an

- sie reagieren mit Geräuschen und mit dem Körper.

Sie bewegen sich in dem Zustand, bevor bei sogenannten normalen Menschen die Erziehung eingesetzt hat.

Wir fühlen uns ihnen überlegen, weil wir ja erwachsen sind, merken aber unbewußt, daß wir noch immer genau die selben Probleme haben, die wir schon als Kind gehabt haben.

Damals wollten wir auf die Leiter steigen, schafften es aber nicht und fielen hinunter – heute wollen wir Filialleiter werden, und schaffen es vielleicht genausowenig...

Man zieht eine weiße Hose an, um besonders elegant auf ein Fest zu gehen, und gerade da fährt ein Auto vorbei und spritzt den nassen Schlamm auf die Hose. Und anstatt besonders elegant zu sein, schaut man aus, wie ein Clochard und erregt das Mitleid der Gastgeberin, die versucht unter großem Beifall mit nassen Geschirrtüchern das gröbste zu entfernen, was natürlich alles nur schlimmer macht, bis man schließlich in den zu kurzen und zu weiten Hosen des Gastgebers seine Vorstellungsrunde macht.

Das sind die Clownnummern des täglichen Lebens, die wir nur allzu gut kennen.

Clowns parodieren auch nie, weil sie sich nie überlegen fühlen - sie wollen wirklich so sein, wie der, den sie bedingungslos bewundern.

Genauso wie wir, wollen Clowns nicht lustig sein, sie haben ernste Probleme und versuchen sie effizient zu lösen.

Peter Waterhouse sagt: Diese vollkommene Abwegigkeit aber berührt die Wahrheit. Das würde ich fast als Methode ansehen. Den größtmöglichen Abweg zuzulassen, oder Umweg. Und das Gegenteil wäre die Attacke. Das Missverstehen der Clowns bei Shakespeare, das ist der Weg zur Wahrheit - die aber von ihrem Gegenteil gar nicht getrennt ist. Der Clown, im "Othello" zum Beispiel, hat wenig zu sagen, aber das, was er sagt, ist immer missverständlich, irrtümlich und geht einen Umweg. Einen falschen Weg, könnte man noch genauer sagen. Der clowneske Weg als der falsche Weg, und der führt - eben nicht ans Ziel, sondern an etwas Besseres als das Ziel.

Die Geschichte der Clowns

Als ich meinen Clownlehrer Philippe Gaulier in Paris nach der Geschichte der Clowns fragte, antwortete er mir:

Das ist doch ganz einfach:

Die Clowns wurden am Samstag, den 23. März 1795 um 14h38 im Hippodrome in London erfunden. Es war ein regnerischer Tag, wie so oft in London.

Zwei Stallburschen waren dazu eingeteilt, bei den Darbietungen der Reitergesellschaften, die Pferdeäpfel zu beseitigen. Einer war sehr groß, der andere sehr klein.

Da es aber regnete, kamen beide zu spät.

Als erstes kam der Große Dünne, schnappte die erste Uniform aus dem Spind, die er erwischen konnte, zog sie sich an und lief mit Besen und Schaufel in die Manege.

Die Leute fingen an zu lachen, als sie seine langen, dünnen, behaarten Beinen aus den zu kurzen Hosen herausstehen sahen.

Einige Minuten später kam der kleine Dicke und sah, daß sein Kollege, seine Uniform angezogen hatte. Die einzige Uniform, die er finden konnte, war die seines Kollegen, die ihm natürlich überhaupt nicht paßte. Er zwängte sich trotzdem hinein und lief in die Manege, um seinen Partner zur Rede zu stellen.

Als er ihn vor sich in seiner Uniform sah, verlor er die Fassung und stürzte auf ihn los. Dabei stolperte der kleine Dicke über seine zu langen Hosenbeine und fiel hin. Die Leute waren begeistert. Nun war der Kleine noch wütender und ging wieder auf den Großen los. Dieser rannte weg, dessen Hosen aber fingen an zu rutschen und wickelten sich um dessen Beine, sodaß auch er hinfiel...

Daraufhin wurden beide Kontrahenten von den Reitern aus der Manege getragen – die Leute waren aber so begeistert, daß der Chef der Reitergesellschaft darauf bestand, daß sie diese Nummer vor jeder Vorstellung machten. Der Clown war geboren.

Natürlich ist das nicht der einzige Ursprung der Clownfigur. Denn das Bedürfnis zu lachen, gibt es, solange es Menschen gibt – und besonders das Bedürfnis, über sich selbst zu lachen. Und dafür steht der Clown.

Die direkten Stammväter der europäischen Clowns sind die Darsteller der griechischen Histrionen und römischen Saturnalien.

Der bekannteste Römische Spaßmacher hieß Centunculus (hundert Fleck).

Maccus, der „weiße Mime“ , spielte in den Komödien der Griechen (Atellanen).

Eine weitere Wurzel der Clowns waren die Darsteller der guten und der bösen Seelen in den Mysterienspielen im Mittelalter. Die Schauspieler, die die Toten darstellen mußten, schminkten ihr Gesicht mit weißer Farbe und trugen auf dem Kopf drei rote Haarbüschel, um die Flammen des Fegefeuers zu symbolisieren. Die Seelen mußte übrigens absurd komische Gefechte mit dem Teufel ausführen, der sie in die Hölle bringen wollte.

Das Wort "Clown" stammt etymologisch von „colonus“, „clod“, der Bauer ab.

Dicke Figur, Falstafftyp, Ursprünge bis in die Antike. (Sommernachtstraum, Sturm, etc.)

Clowns wurden in England von Shakespeare, Jahrson, Beaumont und Fletscher aus den historischen Schauspielen, den moralities, übernommen und verfeinert.

Der weiße Clown hatte seinen Ursprung in einer Clownfigur im 17.Jhdt, der eine Clownnummer mit Mehlsäcken machte, die er nicht bändigen konnte, und deshalb immer weißes Gesicht hatte.

Pierrot – vor allem in Frankreich sehr beliebt – ist langsam, tollpatschig, verliebt und schweigsam. Berühmt ist er durch „Pedrole“, einen mondsüchtigen Schauspieler, geworden, der immer zu Vollmond in seiner Kunst über sich selbst hinauswuchs. An diesen Tagen reisten Zuschauer von überall her an, um ihn spielen zu sehen; bis zu 200 Kilometer sollen die Fans damals zurückgelegt haben, um ihn bei Vollmond zu bewundern! Noch heute gehört der Mond zum Accessoire in seine Abbildungen.

Gracioso in Spanien, Hans Wurst in Wien und der Grand Gignol in Lyon waren Charaktere des Volkstheaters, die mit Komik der gesellschaft einen Spiegel vorhielten. Wie Punch and Judy in England, der Kasperl in Wien wurde der Grand Gignol auch als Puppentheaterhelden für Kinder Identifikationsfiguren.

Bajazzo in Italien war einem Strohsack nachempfunden, auf dem geschlafen wurde, deshalb trug er als Kostüm einen Bettüberzug mit Rüschen und großen Knöpfen.

Wie auch er kamen Pulcinella, Brighella und Harlekino aus der Commedia dell’Arte als Vorläufer des modernen Clowns.

In Bali gibt es die Bondres Masken, Clownmasken aus dem Topeng, die Charaktere Penasar und Kartala, ein grobschlächtiger Großer und ein redegewandter Kleiner mit Phantasiesprache oder Nibhatkin in Burma. Aber auch das chinesische und japanische Theater kennt Clownfiguren.

Wien:

1708 schuf Josef Anton Stranitzky in Wien als Konkurrenz zu den italienischen Komikern, den Hans Wurst in einem Salzburger Bauernkostüm. Er konnte sich bald das Restaurant „Zum roten Dachl“ am Neuen Markt kaufen, wo er auftrat. 1712 bezog er mit seiner Truppe das 1709 neu erbaute Kärntnertor Theater, wo später auch Opern und Ballettaufführungen stattfanden.

Karl von Marinelli gründete 1781 das Leopoldstädter Theater, kurz Kaschperltheater genannt. Alle jubelten dem Kasperl zu, der eigentlich Johann Laroche hieß. Es war immer gerammelt voll, so daß die 34 Kreutzer Münze, die für einen Platz im Parterre zu bezahlen war, in der Umgangsprache ein „Kasperl“ hieß.

Die Figur Clowns hat sich dann vom Bühnenkomiker wegentwickelt, der eine Modernisierung durchmachte, und nun in zivil auftritt.

Der Clown selbst war später Bestandteil der christmas pantomimes (wunderschöne Weihnachtsmärchen, wo die Charaktere am Ende in Clowns verwandelt wurden) und ist von dort direkt in die Manege gekommen.

Billy Saunders, erster englischer Zirkus Clown, der 1785 im Astley Circus in Paris, einer Kunstreitergesellschaft, auftrat.

Um 1780 gab es die große Mode der Kunstreitergesellschaften, die Urform des Circus‘.

Pferde haben bei 12m56 die ideale Seitenneigung, bis heute ist das der übliche Manegendurchmesser.

Clowns im Circus etablierten sich erst um 1850, früher aber nur Komiker genannt:

1777 wurde über die Kunstreitergesellschaft Hyam in Wien geschrieben:“...abgerichtete Pferde zeigten erstaunliche Leistungen, während ein Schneider (!), der von Bradford zu Pferde nach London reiste, für Humor sorgte.“

Große Clowns: Fratellini, Adrian Wettach (Grock), Charlie Rivel, Albano&Victor, Jango Edwards, Dimitri, Peter Shub, David Shiner, Bill Irwin, Jonny Melville, Andreas Vitasek

Clown im Film: Charlie Chaplin, Buster Keaton, der nie lacht, Fellini, Marx Brothers, Laurel+Hardy, Jacques Tati, Woody Allen, Guilietta Mansini, Danny Kaye, Jerry Lewis, Fernandel, Monty Pyton, Tomi Cooper, Mr. Bean

In der Literatur: Kleine Prinz, Dostojevsky, der „Idiot“, Ausgeburt einer phantasischen Phantasie des Komisch Grotesken, „Der Prozeß“ von Kafka, Josef hat die äußere Harmonie der Dinge verlassen, Böll, „Ansichten eines Clowns“

Samuel Beckett, „Warten auf Godot“, „Endspiel“

In der Malerei ist der Clown oft geschlechtslos.

Im Mittelalter wurde der Clown oft mit dem Teufel gleichgesetzt: bei Dürer neigt sich der Narr auf einem gekentertem Schiff einer Teufelsfigur zu.

Lautensack, Bild mit Teufel, dem Narrenkappe ins Gesicht hängt.

Im 20.Jhdt. wurde der Clown wiederum Engel gleichgesetzt, etwa bei Picasso, Chagall oder Toulouse Lautrec

Grock begann als erster Clown gut zu verhandeln, hat sehr gut verdient, Clowns verkaufen heute ihre Nummern als solche an die Zirkusdirektoren oder Agenturen.

EXKURS: CLOWNS UND NARREN

Die Charaktere, die über jemanden anderen lachen, sind die Narren.

Dabei können sie aber auch ganz ernst sein.

Viele Narren sind große Philosophen, damit möchte ich nicht sagen, daß unbedingt viele große Philosophen Narren sind.

Narren parodieren.

Narren, die einfach so sind, wie sie sind. Sie leben ihren Charakter ohne Rücksicht auf die öffentliche Meinung aus.

Clowns sind Komiker auf einer Bühne, in einer Manege oder sonst wo, und bringen gegen Bezahlung die Leute zum Lachen. Clowns, stellen ihre eigenen Schwächen in den Vordergrund und machen so den anderen Menschen Mut, auch zu ihren Schwächen zu stehen.

Die Narren:

Auf der ganzen Welt findet man in fast sämtlichen Kulturkreisen Individuen, die sich zwischen sozialen Realitäten und - im übertragenen Sinn - zwischen den Menschen und Göttern hin und her bewegen und mit grotesken Gesten und Masken die Menschen zum Lachen bringen und die Götter besänftigen.

Joseph Campbell, der Mythenforscher, hat in seinem Standardwerk „Die Masken Gottes“ fast jedem Volksstamm auf allen 5 Kontinenten solche Figuren zuordnen können.

Auch die meisten Indianerstämme kannten solche Wesen, z.B. Koshare bei den Tehua Indianern, der bei den Göttern Fürsprache für die Menschen hielt.

In Südamerika gab es die Narren der Azteken mit schwarzen Augenhöhlen, die wilde Tänze aufführten, oder die Gnome am Hof von Montezuma II, die Cortez 1520 als Gefangene dem Papst Clemens VII als Geschenk mitbrachte.

Ein schönes Beispiel dafür waren die römischen Brückenbauer, eine Priesterkaste, die mit grotesken Riten und starker Schminke herausfand, an welcher Stelle eines Flusses es den Göttern genehm sei, eine Brücke errichten zu lassen – das schwierigste, menschliche Unterfangen in dieser Zeit. Ihr lateinischer Name lautete Pontifex.

Diese Kaste war so wichtig, daß sie ihr Büro direkt am Forum Romanum hatten und der oberste Priester, der Pontifex Maximus, war in Rom eine angesehene, wichtige Person im öffentlichen Leben. So ist es auch zu verstehen, daß sich Petrus, als er sich in Rom niederließ, diesen heidnischen Titel aneignete, den die Päpste bis heute tragen.

Die gesamte Europäische Kulturgeschichte ist von Narrengestalten geprägt, die dann auch die Bühnenclowns beeinflußt haben.

Wir könnten eigentlich bereits mit Sokrates anfangen, einem der ersten, wichtigen Narren der europäischen Geistesgeschichte, der sich den ganzen Tag am Marktplatz herumtrieb, kein Geld verdiente und Menschen aller sozialen Schichten in Gespräche verwickelte, Kaufleute, Soldaten, Prostituierte, in dem er nur einfache Fragen stellte. Kein Wunder, daß seine Frau eine Xantippe war!

KATHOLISCHE NARREN

Franz von Asissi, Simeon von Edessa oder Fillipo Neri, waren bekannte, ich würde einmal sagen, katholische Narren, die die echte Heilslehre als Narrengeschichte argumentierten, kritisch der Kirche, dem Staat und der sozialen Ordnung gegenüber. Fillipo Neri, Freund von Ignatius von Loyola und Franz von Sales, gründete einen Orden für bedürftige Rompilger, sprach, ähnlich wie Sokrates Menschen auf der Straße an, um sie mit Fragen zum Nachdenken anzuregen und zeigte damit die Schwächen des Menschen und der Kirche auf. Goethe schreibt über ihn fasziniert in seiner italienischen Reise. Er starb 1595, 1622 wurde er heilig gesprochen.

Erasmus von Rotterdam bezeichnet sogar Jesus selbst in seinem „Lob der Torheit“ als Narren: „Ist nicht Christus selbst, der doch die Weisheit des Vaters ist, auf eine gewisse Art zum Toren geworden, als er die Menschheit vor der Torheit retten wollte und ihre Gestalt annahm?“ Er versuchte, eine Menschheit zu erlösen, die garnicht erlöst werden wollte, sondern ihren Erlöser kreuzigte.

NARRENSCHIFF

Sebastian Brandt 1457 –1521 schuf 1494 eine Sammlung aus Holzschnitten, die unter dem Titel „Das Narrenschiff“ sehr bekannt wurden. Diese stellen die menschlichen Laster und Schwächen dar, aus denen schließlich der Narr als Antichrist zum Symbol einer Gegenwelt aufsteigt. (In der Niederdeutschen Übersetzung vom Narrenschiff gab es zum ersten mal einen Narr Namens „Hans Worst“.)

Damit war eine regelrechte Mode von Narrenschiffen, Narrenbeschwörungen und Narrengesellschaften geboren, die sich weit über die Renaissancezeit hinweg in Europa etablierte.

HOFNARREN

Bereits in der 5. Dynastie Ägyptens hielt sich Pharao Dadkeri Assi einen Pygmäen, der in den Gängen des Palastes Späße trieb und auf Wandmalereien grimassierend abgebildet ist.

Victor Hugo beschreibt im „L’homme qui rit“ , wie sich Menschen im Mittelalter absichtliche Verunstaltungen zufügen, um als Hofnarr arbeiten zu können.

Der Hofnarr in Europa hatte meistens einen Narrenstab oder eine Puppe, „Marotte“ genannt, die genauso aussah, wie der Narr selbst, mit der er dann ein Zwiegespräch führte, um die Marotte zu radikalen Äußerungen zu provozieren, die meistens ziemlich ins Schwarze traf. Sofort distanzierte sich der Narr dann selbstverständlich von der „dummen Puppe“.

Der Hofnarr vom Brandenburger Hof , John Spencer („Speeser“), der 1613 entlassen wurde, zog dann kreuz und quer durch Deutschland und wurde sehr erfolgreich. Seine Figur hieß Hans Stockfisch.

Bei Shakespeare ist der Narr immer weise.

Der Narr vom König Lear wird als die größte Figur Shakespeares bezeichnet, der schließlich dem König klagt, er könne ihm nicht mehr Narr sein, wenn er, der König selbst, sich wie der bessere Narr verhält. Er sagt ihm immer das, was Lear insgeheim ohnehin weiß, aber wider besseren Wissens trotzdem nicht tun kann. Das ist die Urdefinition der echten Tragödie, und der Narr ist Lear selbst.

NARRENFESTE

Narrenfeste wurden zwischen Weihnachten und Neujahr gefeiert.

Auf Grund der Verbots Edikte wissen wir, was da geschehen ist. Junge Geistliche, Diakone und der niedere Klerus feierten ausgelassen, verkleiden sich mit ihren Kutten als Tiere, wählten Gnome in der Kirche zum Gegenpapst. Die Sitten waren von Land zu Land verschieden, in England sehr deftig, in Frankreich völlig ungezügelt.

Societés joyeuses, z.B. „Enfants sans souci“, eine Gruppe von Studenten,

„Clercs de la basoche“, eine Vereinigung von Rechtsanwälten, die einmal im Jahr die soziale Hierarchien umdrehten, und die Mobilität illusorischer Formen priesen.

Motto: Numerus stultorum infinitus est.

Aber immer endeten solche Feste in einer Orgie.

Die Dürener Narrenakademie zählte Anfang des 19.Jhdt. noch über 1000 Mitglieder.

KARNEVAL

Zu diesem Kapitel gehört auch der Carneval.

Bei den römischen Saturnalien wurde die Hierarchie umgedreht, die Reichen bedienten ihre Sklaven, die Sklaven liessen sich bedienen, es wurde ein König gewählt, eine Puppe, die dann verbrannt wurde. Es war ein Vorläufer des Carnevals.

Der „Roi Carneval“, eine überdimensionale Puppe, wurde angeklagt, zum Tode verurteilt und verbrannt, da er schuld an der menschlichen Armut, der Arbeit und dem Leid ist. Das wird noch heute jedes Jahr z.B. in Zürich gemacht.

Es ist die Utopie, einmal jemand anderer sein zu dürfen, maskiert Dinge tun zu dürfen, für die man keine Sanktionen zu erwarten hat, eine kurze ausgleichende Gerechtigkeit zu erlangen, die Kinder und Erwachsene jedes Jahr gleichsam fasziniert.

NARREN IN DER LITERATUR:

In der Literatur fanden die Narren allergrößte Beliebtheit:

Die bekanntesten sind wahrscheinlich Eulenspiegel, dessen Geschichten 1554 in den Index der verbotenen Bücher des Vatikans aufgenommen wurden,

und Don Quichote, ein klassischer Capitano.

Dada. Alles ist Spiel und löst gesellschaftliche Probleme. Das Spiel als Urgrund des Seins, um höhere Fragen zu entschlüsseln.

Clown ist Träumer im Surrealismus, Breton sagt, jede Aktion ist schlecht.

Waluliso könnte man in diesem Zusammenhang sicher auch als Narr bezeichnen.

DER CLOWN HEUTE:

Clown wird aus dem Zirkus geholt und ins Sprechtheater, in die Tragödie gebracht.

Tschechow. Dimiter Gottscheff

Aus diesen beiden Figuren, dem Narren und dem Clown, hat sich in der zweiten Hälfte des 20.Jhdt. mit Etienne Decroux, Jean-Luis Barrault, Pierre Byland, Jacques Lecoq und David Shiner eine Clownfigur entwickelt, die nicht mehr an eine bestimmte Erscheinungsform, nicht an einen bestimmten Darstellungsstil, an keine Manege und an keine Bühne gebunden ist, sondern die die Welt – und so auch jeden dramatischen Stoff – wie ein Kind erlebt, und vermeintlich bekannte Dinge aus einer ganz ungewöhnlichen Perspektive betrachtet und banale Probleme mit Methoden lösen will, die für jeden „normalen“ Menschen aufsehenerregend und womöglich absurd erscheinen. Und damit hat diese Clownfigur eines mit allen ihren Vorfahren gemeinsam:

Der Clown bringt uns zum Lachen!

Aber wie?

DIE TECHNIK DER KOMIK

Dazu gibt es eine eigene Technik der Komik, aus denen unterschiedliche komische Charaktere entstanden. Jeder dieser Charaktere hat seine eigenen Regeln.

Narren, die Parodieren, Kabarettisten, die karikieren und Clowns, die ernste Probleme haben.

Wann ist etwas komisch?

Man muß die Ebenen wechseln, neue Fragen stellen zu den selben Antworten, die Hierarchie umdrehen, Dinge zusammen denken, die nicht zusammen gehören.

Man könnte auch sagen, „Komik ist Wahrheit und Schmerz“.

Aber was aller Komk zu Grunde liegt, ist die Dringlichkeit. Für einen Clown muß alles ein echtes, ernstes Problem sein. Er muß sozusagen unter Todesangst agieren.

Wenn ihm egal ist, ob die Vase zerbricht, dann kann es auch nicht lustig sein, ihm dabei zuzusehen, genau das zu vermeiden. Aber je mehr verschiedene Arten er erfindet, zu verhindern, daß die Vase bricht, weil er eben nichts in der Welt so fürchtet, wie den Augenblick, in dem sie bricht, desto besser ist er als Clown.

Dazu braucht man Phantasie und die Phantasie ist ein Muskel. Die kann man trainieren.

Es gibt 3 Ebenen der komischen Konflikte:

Konflikt zwischen Menschen und ihrer Welt, globale Konflikte (Behörden, Arbeitsstätte, etc.), Knoflacher gg Verkehrslobby,

Konflikte zwischen Menschen, lokale Konflikte, (Soldat-Pazifist, Astronom-Astrologe, etc.) Gscheite und Blöde

Innere Konflikte

3 Arten des Clowns:

Klassischer Clown, körperliche,

Pathetischer Clown, Melodrama, ist naiv am Anfang und auch am Ende. (The kid)

Tragischer Clown, geht durch die Hölle und hat ein enormes Entwicklungspotential.

Parodie

Karikatur

Burleske

Buffons

Spannungsbögen:

Erschöpft

Entspannt

Neutral

Unruhig, besorgt

Ist eine Bombe im Raum?

Es ist eine Bombe im Raum!

Sie geht gleich los!

Starr vor Schreck.

Rhythmus

Innerer und äußerer Rhythmus

Timing

Es steht immer die Intention im Vordergrund, das was man tun will, dann kommt das Hindernis, und dann die Lösung des Problems, das dieses nur noch vergrößert.

Murphys law als Anleitung zum Clowntraining.

Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es schief gehen.

Es wird zum ungünstigsten Zeitpunkt schiefgehen.

Es wird so schiefgehen, daß es den größtmöglichen Schaden anrichtet.

Jaques Lecoq, der wichtigste Theater und Clownlehrer des 20.Jhdts, erzählt:

„In meinem ersten Clownkurs forderte ich meine Schüler auf, nacheinander die anderen zum Lachen zu bringen. Es folgten dann die unglaublichsten, phantasievollsten Dinge, einer nach dem anderen machte Wortspiele, Purzelbäume, Späße – das Ergebnis war katastrophal. Es war unglaublich peinlich und überhaupt nicht lustig. Die Leute haben plötzlich Angst bekommen, dranzukommen, und eigentlich war das richtig tragisch. Und wie dann alle so betreten, verwirrt und entmutigt da sitzen, fängt plötzlich jemand zu lachen an, dann immer mehr, und plötzlich lachen alle.

Es waren nicht die Dinge, die sie gemacht haben zum lachen, sondern sie selbst.“

Sesselnummer von Grock!

Frei nach Karl Kraus kann man sagen: Das Gegenteil von lustig, ist lustig sein wollen!

Der Clown existiert nicht ohne den Schauspieler, der ihn spielt.

Wir alle sind Clowns, halten uns für intelligent und schön, obwohl wir alle Schwächen haben, die eigentlich zum Lachen sind.

Die Entdeckung der Verwandlung einer Schwäche in eine theatralische Kraft gibt dem Schauspieler eine ungeahnte Sicherheit mit sich und einer Rolle umzugehen. Das ist der pädagogische Wert einer Clownausbildung – gerade auch für einen konventionellen Schauspieler.

Je weniger sich ein Clown verteidigt, sondern seine Schwächen zuläßt, desto stärker wird er als Clown und desto größer als Mensch.

Die Poesie des Unvollkommenen

Und hier sind wir endlich bei der Philosophie des Clowns, der Poesie des Unvollkommenen, der Phänomenologie des Scheiterns.

Einige Grundsätze möchte ich hier aufzählen.

Platon sagt, wir leben, solange wir staunen können.

Clowns machen das, was man als Kind nie machen darf!

„Geh ordentlich!“ „Steh gerade!“ „Mach keinen Lärm!“ „ Zieh Dich ordentlich an!“ etc.

Die Komik des Clowns setzt dort an, wo die Erziehung des Menschen noch nicht eingesetzt hat.

Der Clown bricht diese Tabus und weckt damit die unbewußten Konditionierungen unseres Gehirns aus der analen Phase– und wir identifizieren uns ganz, ganz tief drinnen in unserem Unbewußten mit dem Clown, der sich traut diese Tabus spielerisch zu brechen, - weil wir in diesem Spiel das Paradies der Unschuld wiedererkennen, in dem wir zu Hause waren, bevor man uns die Erkenntnis von Gut und Böse, Reinheit und Schmutz, Höflichkeit und Unhöflichkeit beibrachte.

Ein Clown darf niemals ignorieren, wenn irgend etwas Unvorhergesehenes passiert. Etwas fällt herunter, ein Zuschauer kommentiert die Vorstellung, draußen fährt eine Rettung vorbei – der Clown muß immer sofort mit so einer perfekten Pointe darauf reagieren, daß sich die Leute fragen: „Hat er selbst die Rettung angerufen, damit sie gerade JETZT vorbei fährt - denn wäre sie 1 Minute früher vorbei gefahren, hätte diese ganze Nummer nicht funktioniert.“

Der Clown spielt nie für ein Publikum, er spielt MIT dem Publikum, er schafft einen Kontakt mit jedem einzelnen, jede Reaktion des Publikums kann eine Wendung des Spiels bewirken. Er macht seine Erfahrungen mit dem Publikum und komponiert das Stück mit dem Publikum gemeinsam.

Ein gutes Clownstück funktioniert wie ein Uhrwerk. Das Lachen des Publikums ist Teil dieses Uhrwerks.

Der Clown handelt immer aus bestem Willen. Er will alles perfekt machen, er liebt alles, er parodiert nie. Er macht nie Späße auf Kosten anderer.

Und hier ist Karl Kraus - einmal richtig zitiert: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint!“

Ein Clown will einen Salto machen. Er kommt siegessicher auf die Bühne – und vermasselt gerade das, was er am besten kann, sein Kunststück, es gelingt nicht, dann erschreckt ihn etwas und er macht einen Salto, ohne es zu merken.

Beides ist lustig – wenn er es aber NIE schaffen würde, dann ist es eine Tragödie!

Der Mißerfolg, auch liebevoll Mister Flop genannt, schwebt bedrohlich wie ein Todesengel über dem Clown, und wenn er keinen Erfolg hat, wenn die Leute nicht lachen, übernimmt Mister Flop die Bühne – und bringt gleich seine ganze Familie mit....

Die Clowns unterscheiden sich von Schauspielern, daß sie nie vorgeben etwas zu sein, was sie nicht sind. Sie nehmen nie Haltungen oder Rollen an, sondern sie sind Dichter und Darsteller zugleich. Sie haben nie die geringste Distanz zu ihrem Handwerk, ihrer Arbeit, ihrem Körper, ihrer Kunst, sie SIND sie selbst.

Ein guter Clown hat immer echte, große Probleme und findet immer Lösungen, die völlig absurd sind – aber wenn es dann klappt, liebt ihn das Publikum gerade deshalb.

Mit je weniger Problemen ein Clown an einem Abend auskommt, desto besser ist er. Der beste Clown hat nur ein einziges Problem: sich selbst.

Wenn er das am Ende löst, wird er zum Meister des Unmöglichen.

DER CLOWN IN DER GESELLSCHAFT

Der Clown steht am Rande der Gesellschaft, weil er ihr wirkliches Zentrum ist. Hinter der Kunst eines Clowns muß immer eine Ideologie stehen.

Die Aufgabe des Clowns war es immer, wie später die Soziologen, gesellschaftliche Vorgänge sichtbar zu machen und, wie später die Psychologen, menschliche Reaktionen zu analysieren. So konnte er den Menschen die Angst nehmen, weil er ihnen ihre Reaktionen vor Augen führte und so die Zukunft berechenbar machte – eigentlich die Ur-Aufgabe der Wissenschaft!

So ist es auch ganz logisch, daß den Clowns in den frühen Kulturkreisen eine Mittlerrolle zwischen den Menschen und den Göttern zugefallen ist. Hermes ist der Gott der Clowns mit seinem Stab, immer unterwegs, nirgends zu Hause aber überall willkommen.

Ein wichtiger Aspekt ist die Arbeit der Clowns in Spitälern mit kranken Kindern aber auch in gereatrischen Heimen und Krankenhäusern. Ihre Hauptaufgabe ist es, den Kindern die Angst zu nehmen und dadurch ihren Heilungsprozeß zu erleichtern und zu beschleunigen, sie zu fordern und ihnen Alternativen aufzuzeigen.

DER CLOWN UND DER TOD

Clown und Tod waren immer schon Todfreunde.

Der Clown spielt mit dem Tod, er umarmt ihn, er stirbt in der Manege, wird auf einer Bahre unter einem schwarzen Tuch hinaus getragen, taucht plötzlich wieder hinter den Trägern auf und torkelt bei einer chopinartigen Trauermusik wild gestikulierend und lautstark weinend als einziger Trauergast hinter seiner eigenen Leiche her.

„Das Leben ist nur ein wandelnder Schatten, ein armseliger Komödiant, der sein Stündchen auf der Bühne Kapriolen schlägt und dann nicht mehr vernommen wird.

Das Leben ist ein Märchen, erzählt von einem Clown, großmäulig und farbenfroh,– aber bedeuten tut es gar nichts.“ Macbeth

© Markus Kupferblum