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Markus Kupferblum

Die Komödien des Lebens

Die Komödien des Lebens

Die Commedia dell’Arte als Volkstheater

Die Commedia dell’Arte ist nicht nur „La Mama“ des Europäischen Theaters, da so gut wie alle Theaterformen, wie wir sie heute kennen, mittelbar oder unmittelbar von ihr abstammen, sondern sie beeinflusst bis heute auch maßgeblich die Bildende Kunst und sogar die Architektur, bilden unsere vertrauten Theaterräume ja die italienischen Marktplätze nach, auf denen die Commedia Truppen ihre Stücke spielten. So wird die Guckkastenbühne auf Französisch heute nach „Scène italienne“ genannt und wir kennen den Cercle, das Parkett, die Logen und die Stehplätze aus unserem Stadttheater.

Aber wie kam es, dass die „Commedia all’Improviso“, wie sie zunächst genannt worden ist, so viel Einfluß erlangen konnte? Dazu müssen wir einen kurzen Blick auf die Zeit werfen, in der sie entstanden ist.

Am Ende des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit befand sich die europäische Gesellschaft in einem der gewaltigsten Umbruchprozesse ihrer bisherigen Geschichte.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse etwa in der Astronomie, der Physik oder der Medizin, die Einführung der arabischen „Alchimia“ im europäischen Raum, die Entdeckungen neuer Kontinente durch die Seefahrer, aber besonders die Wiederentdeckung der antiken Schriften, die bislang durch den Brand der Bibliothek von Alexandria als verloren geglaubt waren, haben das Weltbild der Menschen und ihre Selbstwahrnehmung massiv verändert.

Plötzlich erschien die Welt, die einen umgab, in einem völlig neuen Licht und dieses neue Erkennen war eigentlich keine „Renaissance“, keine „Wiedergeburt“, sondern die Geburt eines neuen Menschen, des Menschen der Neuzeit.

Natürlich hatte diese neue Weltwahrnehmung auch einen gewaltigen Einfluß darauf, wie die Menschen Gott und seine Schöpfung sahen. Der Blick, der früher den gotischen Türmen der Kathedralen in den Himmel folgte, senkte sich in der Renaissance und im Barock um 90° auf die Horizontlinie einer Kuppel. Zum ersten Mal betrachtete der Mensch sich selbst, befreite sich vom Diktat der Kirche, löste die Reformation aus und entdeckte den Individualismus. Die Maler verliehen den Menschen zum ersten Mal natürliche Gesichter, malten Licht und Schatten und gaben ihren Werken durch die neue Ölfarbe einen besonderen und bis dahin unbekannten Glanz.

Aber auch das weltliche Leben wurde völlig neu geregelt. Die Arbeit wurde objektiviert und durch ein modernes Geldsystem bewertbar gemacht und auch hier befreiten sich die Menschen aus mittelalterlichen Abhängigkeiten. Es wurden zum Schutz der einzelnen Berufsgruppen Zünfte gebildet und die ersten Entwürfe von Menschenrechten wurden vorgelegt. Die Kirche und die Herrscher begannen um den verbliebenen Einfluß auf die Menschen zu streiten, einmal endete dies in Canossa, dann wieder mit der Lossagung des englischen Königshauses vom Papsttum.

Und während sich die europäischen Provinz-Fürsten an den wiederentdeckten antiken Schriften über die griechischen Götter delektierten, mit denen sie sich allzu gerne identifizierten, entstand außerhalb ihrer Schloßmauern eine neue Gesellschaftsstruktur, in der es neue Hierarchien und neue Konflikte gab.

Besonders ausgeprägt fand man diese neue Gesellschaft in den reichen und kosmopolitischen Hafenstädten, etwa in Neapel oder Venedig vor.

Venedig war politisch unabhängig und erstrahlte nach den Raubzügen des vierten Kreuzzuges in neuer byzantinischer Pracht. Es war die wichtigste Handelsstadt für Güter aus dem Nahen Osten. Hier traf man nicht nur die reichen Kaufleute, die ganze Handelsflotten besaßen, die Dottores aus Bologna, die stolz darauf pochten, an der ältesten Universität der Welt promoviert zu haben, die spanischen Besatzungssoldaten, die nicht nur das Königreich beider Sizilien besetzt hielten, sondern auch die Lombardei und dadurch den 30 jährigen Krieg von Italien fernhielten, die Sprösslinge diverser italienischer Provinzadeligen, die auf der Suche nach anonymen amourösen Abenteuern waren, sondern auch die Ärmsten der Armen, die versuchten, sich ein kleines Stück des Wohlstandes zu erobern. Das waren die Einwanderer aus Nordafrika, die Hirten aus Bergamo und anderen italienischen Kleinstaaten und vorallem auch die Kurtisanen, die als zweit- und mehrtgeborene Töchter keine Mitgift erhalten konnten und versuchen mußten, ihr Leben außerhalb der von der Gesellschaft vorgesehenen katholischen Ehe mit Würde und Anstand zu führen. Viele lebten in monogamen Beziehungen, arbeiteten als Haushaltshilfen, Kammerzofen und Dienstmädchen bei reichen Kaufleuten, bei Adeligen oder beim Klerus, einige lebten als Mägde, Wirtinnen oder Prostituierte. Es waren mutige Frauen, die klug und solidarisch waren. Als der Papst Leo X. etwa verkündete, dass Kurtisanen, die für den Klerus arbeiteten, nicht mehr bezahlt werden sollten, gingen alleine in Venedig abertausende Kurtisanen auf die Straße, um gegen diese Scheinheiligkeit zu protestieren, bis der Papst seine Order schließlich zurückzog.

Diese neuen Lebensformen, die Begegnungen der unterschiedlichsten Menschen auf so engem Raum und die permanenten Versuchungen des Glücks, das stets zum Greifen nahe schien, waren der Quell unentwegter Konflikte. Und um diese zu lösen, benötigt man Geschichten. Die Protagonisten dieser Dramen haben wir soeben kennengelernt. Es waren die Menschen, die man täglich durch die Straßen Venedigs flanieren sah, mit ihren Streitigkeiten, die man selbst nur allzu gut kannte. Es waren Geschichten, die man täglich erlebte, die alle betraf und die vom Leben selbst erzählten, das einen täglich umgab.

Bald bildeten sich Gruppen von Komödianten, die die ersten professionellen Schauspieler der Welt waren, da sie täglich auf unterschiedlichen Plätzen spielten und damit ihren Lebensunterhalt bestritten. Bis dahin gab es ja nur das katholische Passionsspiel, das nur einmal im Jahr - am Tag des Stadtheiligen - oder bei ganz besonderen Anlässen aufgeführt werden durfte, und das etwa im Sommernachtstraum von Shakespeare parodiert wird. Keiner von diesen Laiendarstellern konnte auch nur ansatzweise von dieser Tätigkeit leben. Anders die Commedia Schauspieler, die entweder nach ihrer Vorstellung Spenden kassierten, oder überhaupt einer der Gruppen angehörten, die von den wichtigsten venezianischen Kaufleuten unterhalten wurden. Die Kaufleute waren übrigens immer bestrebt, die erfolgreichste Gruppe zu besitzen und so wurden oft Spieler verkauft, wie heute Fußballer.

Die Commedia Schauspieler konnten meist nicht lesen und schreiben und so spielten sie ihre Stücke mit improvisiertem Text. Sie wußten nur, was in der Szene vorkommt, und in welcher Reihenfolge die Darsteller auf die Bühne kamen.

Diese Gruppen waren von der Geisteshaltung des Karnevals beeinflusst, bei dem die Hierarchie der Gesellschaft umgedreht wurde und der sich in Venedig einer ungeheuren Beliebtheit erfreute. Einmal im Jahr darf man jemand anderer sein! Jeder arme Mann verkleidet sich als Millionär und jede Prinzessin als Bettlerin. Die Leute kokettierten mit der Kleidung und dem Benehmen der jeweils anderen Gesellschaftsschicht und fanden das Eintauchen in die fremde Welt erregend und gleichermaßen befreiend.

Diese Umkehr der Hierarchie ist der dramatische Motor der Commedia, es ist der Traum, den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen oder auch nur, es „denen da oben“ heimzuzahlen oder listiger zu sein, als sein Herr.

Am Ende jedoch bleibt zumeist alles, wie es war, aber die Mächtigen haben Grenzen erfahren oder wurden gar geläutert. Es war eine sanfte Revolution der Vernunft und der Fairness, die der Aufklärung den Boden bereitete.

Sagt man, dass die Griechische Tragödie den Menschen lehrt, wie man lebt, so lehrt uns die Commedia dell’Arte, wie man überlebt. Der Diener, der für Dinge geschlagen wird, für die er nichts kann, bekommt dafür die schönste Frau - die er seinem Herren weggeschnappt hat. So wird er zum Helden aller Diener und wir lieben ihn, weil wir uns im Publikum immer mit den Schwächsten identifizieren. Deshalb sind die Helden der Commedia dell’Arte nicht, wie in der griechischen Tragödie, die Stärksten, sondern die Schwächsten. Und das sind Harlekino und Colombine.

Harlekino ist die Commedia Figur, die hierarchisch am niedrigsten steht. Er ist es, der für alles seinen Kopf hinhalten muss, der die Arbeit leistet, mit der sich andere rühmen. Er ist triebgesteuert, trinkt gerne, ißt gene und schläft gerne – mit und ohne Frauen – und wurde deshalb von der „guten Gesellschaft“ bezichtigt, vom Teufel selbst abzustammen, was man noch einem kleinen roten Punkt auf der Stirn seiner Maske ablesen kann. Seine Maske war schwarz, weil er eben ein afrikanischer Einwanderer war, genauso wie ein bergamaskischer Bauer, der in Venedig sein Glück suchte. Das Leben lehrte ihn Klugheit und Schlagfertigkeit, und so war er so manchem Dienstgeber haushoch überlegen. Verbale Zweikämpfe gingen immer an ihn, die besten Strategien konnte er entwickeln und mit seinem Charme und seinem Witz wickelte er am Ende des Stückes sogar Colombine um den Finger.

Colombine ist die Figur der Kurtisane. Sie ist hübsch und steht mit beiden Beinen im Leben. Sie kann zupacken und arbeitet viel, damit sie ein gutes Leben führen kann. Denn nur so möchte sie Kinder in die Welt setzen. Da sie ebenfalls auf der untersten hierarchischen Stufe steht, ist sie für die männlichen Figuren verfügbar, die sich auch stets in sie verlieben. Der Kaufmann erliegt ihrem Charme und ihrer Schönheit, aber ihre List hindert ihn daran, sein Ziel zu erreichen. Denn sie durchschaut die Männer mühelos und weiß genau, was gut für sie ist– und auch was sie nicht will. Sie ist klug und am Ende auch die, die die Intrigen der Männer aufklärt und entwirrt, und die dem reichen Kaufmann eine Abfuhr erteilt, um schließlich doch Harlekino, einen von ihresgleichen, zu heiraten.

Harlekino, Colombine und die anderen Figuren der Commedia dell’Arte traten ihren Siegeszug durch Europa an. Einige Gruppen fuhren mit Karren von Italien über Österreich bis nach Russland, dann weiter über Skandinavien und England zurück nach Frankreich und Italien. Es waren hunderte Gruppen, die alle eine andere Route führen. Einige Gruppen waren fest an einem Hof engagiert, die Gruppe Molière überhaupt am Hof des Französischen Königs Ludwig XIV, für einige Gruppen wurden allein in Venedig 67 Theater erbaut.

Nach der Französischen Revolution ging ein Beben durch die europäische Adelsgesellschaft und die Commedia wurde als das erkannt, was sie war: ein hochpolitisches Volkstheater, das Massen für bestimmte Ungerechtigkeiten sensibilisieren konnte.

So wurde die Commedia dell’Arte generell verboten, da sie, die ja keine geschriebenen Texte hatte, nicht zensuriert werden konnte.

Überlebt hat die Commedia also nur in geschriebener Form, entweder als Opernlibretto oder als Theaterstück, wie etwa von Gozzi oder von Goldoni, der die Commedia aber eigentlich überwinden wollte, oder etwa im Wiener Volkstheater, das seit der Spanischen Commedia Truppe, die der Kaiser zusammen mit der Spanischen Hofreitschule von seiner vormaligen Residenz im Escorial mitbrachte, im Wiener Kulturleben fest verankert ist. In Wien wirkte der große Harlekino Stranitzky, der den Hans Wurst erschuf, aber auch Raimund und Nestroy spielten selbst die Dienerrollen, die sie sich auf den Leib schrieben. Genauso wie der berühmte Regensburger Komödiant Emanuel Schikander, der über 50 Volksstücke schrieb, die er in seinem eigenen Theater in Wien aufführte und in denen er stets den Harlekino spielte.

Die Commedia ist, was wir wollen, das sie ist. Wer etwas über die Commedia dell’Arte erzählt, erzählt mehr von sich selbst, als von der Commedia. Denn da sie von Tausenden professionellen Schauspielern über 350 Jahre in den unterschiedlichsten Ländern und unterschiedlichsten Lebensumständen gespielt worden ist, ist fast alles, was man über die Commedia sagt, richtig. Deshalb bietet sie die perfekte Projektionsfläche für die eigenen Träume und Ansichten über das Theater und die Menschen.

Das machte auch den besonderen Reiz für bildende Künstler aus. Anhand der Figuren der Commedia konnte man mit der eigenen Identität spielen. Frauen wurden als Pierrot gemalt, berühmte Persönlichkeiten als Harlekino. Durch die Maske verlieh man dem Portraitierten neue Eigenschafen und eine neue soziale Stellung, und entstellte ihn dadurch mitunter durchaus zur Kenntlichkeit.

Waren es zunächst die berühmten Kupferstiche von Jacques Callot, die Szenen aus der Commedia dell’Arte möglichst realitätsnah abbildeten, gab es später eine Reihe von Malern, die Freskos mit Szenen aus der Commedia gestalteten, um bestimmten Räumen einen Hauch Frivolität zu verleihen, etwa im Ca’ Rezzonico in Venedig, wo es einen Pulcinella Raum gibt, der für intime Stunden gedacht war, oder der Festsaal vom Schloß in Český Krumlov, wo ein Wandbild eine wahre Begebenheit mit einem Harlekino abbildet, die die Familie Lobkowitz in Aufruhr versetzt hatte.

Später war es George Sand, die fast 100 Jahre nach dem Verbot der Commedia dell’Arte, aus ihrer Phantasie einige Figurinen zeichnete, die es bis heute in Venedig an jedem Kiosk als Postkarten zu kaufen gibt und oft grotesker Weise als Referenz für wissenschaftliche Publikationen gelten. Toulouse-Lautrec ließ sich als Pulcinella fotografieren und Picasso malte Selbstportraits als traurigen Harlekino und ließ sich von Leben der Commedia, wie er sie sich erträumte, inspirieren.

© Markus Kupferblum

erschienen im Katalog zur Ausstellung „Bühnenreif“ des Hans Arp Museums Remagen, 2016