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Markus Kupferblum

Viktor Ullmann und die Bedeutung der Kunst in Zeiten der Diktatur

Der tschechisch-jüdische Komponist Viktor Ullmann, geboren am 1.1.1898 in Teschen (österreichisches Schlesien, heute polnisch-tschechische Grenzstadt), aufgewachsen in Wien und am 18.10.1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet, war einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit.

Zunächst war er von der Musik Schönbergs beeinflusst, bei dem er 1918 studierte, was man an seinen hervorragenden, frühen Werken auch unschwer erkennen kann. Alexander Zemlinsky engagierte den jungen Ullmann daraufhin als Kapellmeister an das „Neue Deutsche Theater“ in Prag, von wo aus er seine Karriere als Komponist begann und bald internationale Anerkennung erlangte.

In den 30-ger Jahren emanzipierte er sich deutlich vom „Schönberg Stil“ und begann eigenständige, große Musik zu schreiben. Er entwickelte eine eigene Klangsprache, setzte sich intensiv mit Alban Berg’s „Wozzeck“ auseinander und schrieb darauf seine Oper „Der Sturz des Antichrist“.

Als er am 8.9.1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, umfasste sein Werk 41 Kompositionen. In den nächsten 25 Monaten seiner Gefangenschaft schrieb er im Rahmen der sogenannten „Freizeitgestaltung“ u.a. die Werke, die ihn seit den 1990-ger Jahren weltberühmt gemacht haben: die 7. Klaviersonate, das Melodrama „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ auf einen Text von Rainer Maria Rilke und die Oper „Der Kaiser von Atlantis“, die er selbst weder zu hören noch zu sehen bekam. Trotz zahlreicher Versuche mit immer zahmeren Versionen der Oper die Zensoren gnädig zu stimmen, wurde eine Aufführung von den Nazis bis zuletzt verweigert. Ullmann wurde am 16.10. 1944 nach Auschwitz deportiert und zwei Tage später dort in der Gaskammer erstickt.

Dieses wunderbare und große Werk hatte Ullmann für die Musiker komponiert, die er in Theresienstadt zur Verfügung hatte. Aus dieser Zufälligkeit ergab sich ein einzigartiges Klangbild, das aus einem kompletten Streicherensemble, einem Klavier, einem Harmonium, Bläsern aber auch einem Banjo und einer Gitarre bestand. Die Musik ist eindringlich, vielfältig und doch immer schwebend und poetisch. Diese Auseinandersetzung mit der Geisteshaltung eines Tyrannen, dessen Ziel es ist, die gesamte Menschheit auszulöschen, was letztlich vom Tod selbst vereitelt wird, umfasst eine Vielzahl an musikalischen Formen und Stilen, die manchmal an eine mozart’sche Verspieltheit, an eine klangliche Wucht von Mahler, an einen Duktus, wie wir ihn von Streichquartetten Schönberg’s kennen, oder, wie im Finale, an einen Choral von Bach erinnern. Dieser musikalische Reichtum verleiht dem Werk starke Konturen und permanente Stimmungswechsel, die den Zuhörer sofort in seinen Bann ziehen.

Als ich im Herbst 2012 diese Oper in New York City inszenierte, war ich geprägt von meiner Theaterarbeit in Teheran, die ich unmittelbar davor im September mit einer Aufführung einer Stückserie in der Tradition der Commedia dell’Arte auf Persisch zu einem ersten Höhepunkt brachte. Dabei lernte ich die erschütternden Lebensbedingungen der Bevölkerung dieses Landes kennen, die wir in unseren Stücken vielfältig thematisierten. Viele dieser Aspekte mussten wir schließlich auf der Bühne weglassen, um die Schauspieler nicht zu gefährden. Viele Themen durften nicht behandelt werden, um den Zensurbestimmungen genüge zu tun. Nicht nur für Künstler ist es ungeheuerlich schwierig ohne dem Recht auf freie Meinungsäußerung zu arbeiten, auch Journalisten und Intellektuelle sind großen Repressalien ausgesetzt. Für die meisten Iraner ist das tägliche Leben in der Diktatur schwer zu bewältigen. Durch die westlichen Sanktionen werden sämtliche Konsumgüter des täglichen Lebens unerschwinglich und es gibt kaum berufliche Perspektiven für junge Menschen. Verunmöglichen die zahlreichen religiösen Regeln viele künstlerische Ausdrucksformen, wie es beispielsweise Frauen nicht gestattet ist, öffentlich solo zu singen, außer es befinden sich nur Frauen im Publikum, so ist es seit September aufgrund eines Reinheitsgesetzes des Koran für alle verboten, mit Hunden auf die Straße zu gehen, da diese sonst von den Revolutionswächtern in große Käfige gesperrt und diese in die Wüste gebracht und dort verschlossen abgestellt werden. Viele Menschen schläfern ihre Hunde nun ein oder halten sie in ihren Wohnungen, obwohl sie nicht stubenrein sind.

Vom „Kaiser von Atlantis“ gibt es mehrere Versionen. Besonders der Schluss liegt in unterschiedlichen handschriftlichen Bearbeitungen vor. Meistens wird eine Fassung zur Aufführung gebracht, in der der grausame Diktator am Schluss beteuert, er hätte für sein Volk nur das Beste gewollt – und erkenne seine Schwäche, die man ihm doch verzeihen möge. Doch selbst diese Fassung war der Zensur der Nazis wohl noch zu radikal und explizit. Denn der Diktator liefert sich nämlich dem Tod aus, der ihm bislang die Mitwirkung an dessen größenwahnsinnigen Verbrechen und dessen kompromissloser Kriegshetze verweigert hatte. Der Tod tötete nicht mehr. Die Menschen wurden unsterblich und die Liebe bekam langsam wieder Raum im Leben der Menschen. Nach einigen Proben wurde die Arbeit an diesem Stück in Theresienstadt endgültig untersagt.

Der Iran ist ein wunderschönes Land mit einer Jahrtausend-alten Kultur, das zur Zeit vollkommen isoliert ist. Die westlichen Botschaften sind fast ausnahmslos geschlossen. Die Sanktionen unterbinden jeden Geldverkehr mit dem Ausland. Der Iran tauscht mit China Öl gegen billige Plastikprodukte, die meisten Waren werden aber vor Ort hergestellt. Kreditkarten werden nicht akzeptiert, da es eben keinen internationalen Geldverkehr gibt. Es gibt eine unfassbare Inflation. Die Geldscheine sind fast wertlos, die höchsten Noten im Wert von ungefähr 20 € sind keine Geldscheine sondern Schecks der Nationalbank.

In der Oper „Kaiser von Atlantis“ tritt ein Partisanenmädchen auf, das kurze Haare trägt und deshalb „Bubikopf“ genannt wird. Sie kann es sich nicht vorstellen, dass es Felder gibt, die nicht als Schlachtfeld dienen, dass Wälder nicht nur Unterschlupf für Widerstandskämpfer sind und dass es Wiesen geben soll, die nicht vermint sind.

Auf der Straße Teherans fahren weiß-grüne Polizeiautos der Revolutionswächter im Schritttempo und verhaften Mädchen, die geschminkt sind oder deren Haare unter dem obligatorischen Kopftuch herausschauen. Die Revolutionswächter rekrutieren sich aus den bildungsfernen Schichten und kommen meist vom Land. Sie scheinen eine besondere Genugtuung dabei zu empfinden, besonders die gebildeten Schichten und die jungen Studentinnen in Teheran zu unterdrücken.

Das alles ist sehr, sehr schlimm und erschütternd hautnah mitzuerleben. Es ist eine Diktatur. Was das heißt, ist einem dort gezwungenermaßen in jedem Moment bewusst.

Doch die Iraner sind ein höchst gebildetes und kultiviertes Volk.

Die Leute, mit denen ich Kontakt habe, sind wunderbare Menschen. Sie sind gastfreundlich, offenherzig und sprechen meistens mindestens eine Fremdsprache perfekt. Die Frauen sind fast alle trotz des Verbotes geschminkt und tragen die Kopftücher sehr locker, obwohl sie deshalb jederzeit, verhaftet werden könnten - und es werden! Trotzdem tun sie es, weil sie mutig sind, und weil ihnen die Repressalien einfach reichen. Sie wünschen sich Normalität und die Freiheit der Wahl. Als Mann darf man mit einer Frau nicht alleine auf der Straße gehen, außer man kann unzweifelhaft ein Verwandtschaftsverhältnis nachweisen. Zwei Männer und eine Frau sind gestattet, auch zwei Frauen und ein Mann, aber kein unverheiratetes Paar darf sich in der Öffentlichkeit zeigen. Man kennt die Regeln mittlerweile und befolgt sie, ohne weiter darüber nachzudenken - und alle fürchten sich vor einem Krieg. Seit der brutalen und blutigen Niederschlagung der Demonstrationen vor zwei Jahren, der sogenannten „Grünen Revolution“, die sich gegen den Wahlbetrug von Ahmadi-Nejad richteten, herrschen Angst vor dem Terror und Resignation, dieses Regime jemals wieder loszuwerden.

Ich habe mich dazu entschieden, in New York die erste, die unbarmherzigste Fassung des Finales zu inszenieren. In einer brutalen Arie singt der Diktator, bevor er sich selbst dem Tod aushändigt: „Vielleicht sterbe ich jetzt, ich gehe voran, aber ich hinterlasse Euch Haß und Krieg. Ihr werdet sehen: Dieser Krieg wird nicht der letzte gewesen sein, die Menschen werden weiter grausam und unbarmherzig sein, sie werden nie aufhören, einander abzuschlachten und zu unterdrücken! Das ist nicht der letzte Krieg!“

Die iranische Theatergruppe, mit der ich arbeite, lebt unter ständiger Bedrohung verraten und verhaftet zu werden. Denn Frauen und Männer arbeiten gemeinsam in einem Raum. Unverschleiert. Mit Berührungen. Frei und ohne Einschränkungen, wie in der westlichen Welt. Ihr Leiter ist ein Pantomime, der seine Kunst von einer alten Videokassette gelernt hat. Die Schauspieler stehen im Kreis, alle im Trainingsanzug, wie in New York, Wien oder Paris, Chile und Litauen, Zürich und London und machen ihre Aufwärmübungen. Ich zeige ihnen die Tricks und die Tradition der Commedia dell'Arte, mit deren Instrumentarium sie ihre eigenen Geschichten entwickeln können.

Diese Schauspieler in Teheran saugten die Informationen förmlich ein und machten mich zum glücklichsten Menschen der Welt. Ich konnte die unterstützen, die ihr Leben riskieren, um etwas zu artikulieren, was sie vielleicht retten könnte.

Ein Soldat des Diktators tritt auf und wird vom Partisanenmädchen angeschossen. Im Zweikampf wachsen in ihm letzte verzweifelte Kräfte und er überwältigt sie. Da entdeckt er, dass sie ein Mädchen ist. Er erinnert sich an eine ferne, vergangene Zärtlichkeit, die er einmal erfahren konnte und von der dieses Mädchen nichts kennt. Er lässt ab von ihr, singt eine wunderschöne Arie, die fast etwas von Mozart hat, und berührt sie, wie sie noch nie berührt wurde.

In einem labilen Zustand der Zerrissenheit fühle ich mich in beiden Städten, wie auf eine Achse des Bösen gesetzt, nur in meinem Theater zu Hause. Denn wo Regierungen versuchen, mitunter vehement zu verhindern, dass Künstler bestimmte Empfindungen oder Inhalte öffentlich artikulieren, geht es in meiner Theaterarbeit zunächst in erster Linie darum, den Menschen Mut zu machen zur Emanation ihrer Freiheit. In diesem Sinne hat das Theater für mich den selben Stellenwert, wie in ihrer ursprünglichen, altgriechischen Bedeutung die „Synagoge“ - als Ort, an dem man zusammenkommt, um einander gegenseitig Mut zu machen. Ich möchte die Menschen bestärken, die manchmal sogar, wie in Teheran, ihr Leben riskieren um Theater zu machen, und den Zuschauern zeigen, dass sie mit ihren Ängsten und ihrer Ratlosigkeit nicht alleine sind. Es gilt, auf der Bühne gemeinsam die wesentlichen Fragen herauszufinden, die für sie relevant sind und deren Gültigkeit geteilt wird.

Kurt Vonnegut sagte einmal, er sei ein Jünger des unheiligen Unordens "Unsere Liebe Frau des nie enden wollenden Erstaunens". Er war einer der ganz wichtigen künstlerischen Seismographen der amerikanischen Gesellschaft, der immer alles, was richtig und was falsch läuft, ganz genau gespürt, und in seinem gesamten Werk literarisch unerbittlich auf den Punkt gebracht hat. Wir dürfen bestimmte Zustände im Alltag nicht als „normal“ ansehen, bloß weil die meisten Menschen sich bereits an sie gewöhnt haben. Wir dürfen nicht abstumpfen gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit und wir müssen dorthin gehen, wo wir etwas bewegen können. Vonneguts „Unorden“ würde ich am liebsten sofort beitreten...

Harlekin ist in der Commedia dell’Arte der sozial schwächste Charakter, der immer das tut, was sich die Menschen im Publikum nie trauen würden zu tun. Er schafft es für einen kurzen Augenblick die Illusion herzustellen, dass man die soziale Ordnung umdrehen könnte, dass der Schwächere dem Stärkeren überlegen sein kann. Am Ende eines Commedia Stückes wird dann allerdings stets die Realität der ursprünglichen Ordnung wieder hergestellt und wie im Karneval hat dieser kurze Moment der Utopie eine heilende Wirkung auf die Zuseher.

Im „Kaiser von Atlantis“ ist Harlekin verzweifelt, weil in dieser Diktatur niemandem mehr zum Lachen zumute ist. Doch er weigert sich, den Glauben an die Liebe und die Sinnlichkeit zu verlieren. Im Tod findet er einen heimlichen Bewunderer und Verbündeten. Der Tod beschließt Harlekin zu unterstützen, wendet sich vom Diktator ab und zerbricht seine Sense.

Es ist für jemanden aus dem Westen nicht leicht, eine eindeutige Position zu beziehen und sich ein verlässliches Bild über den Iran zu machen. Während des Schah Regimes gab es eine massive Öffnung hin zum Westen und dessen Kultur. Das wirkt für uns vertrauter. Aber auch damals - trotz der westlichen Kultur - kannte die iranische Gesellschaft weder Toleranz noch die Freiheit der Wahl. Es gab eine unfassbare Armut, es gab ganze Städte aus Kartonschachteln – viele Menschen hungerten, während Herbert von Karajan vor der Familie des Schah seine Opern dirigierte. Auch das war eine Diktatur und den Frauen, die einen Schleier tragen wollten, wurde er auf der Straße brutal vom Kopf gerissen. Warum sind es immer die Frauen, an denen die jeweilige Diktatur ihre Macht vollzieht und demonstriert?

Viktor Ullmann hatte wohl prophetische Fähigkeiten, als er Hitlers berühmte Rede vom Februar 1943 im Berliner Sportpalast in einer Arie des „Trommlers des Diktators“ vorwegnahm. Anstatt eines „Totalen Kriegs“ verlautet der Trommler jedoch den „Krieg, jeder gegen jeden“.

Im Iran herrscht eine unfassbare Angst. Jeder misstraut jedem. Die Bevölkerung fürchtet sich vor der Regierung und ihren Schergen, und die Regierung fürchtet sich vor dem Volk und seinem Freiheitsdurst. Keiner weiß, wer ein Spitzel ist, und niemand kann irgendetwas Unüberlegtes tun oder sagen, denn nur allzu leicht bezahlt man das mit seinem Leben.

Nach und nach verliert der Diktator alle seine Verbündeten. Im letzten Akt wendet sich sogar sein wichtigster und engster Vertrauter, der „Lautsprecher“, von ihm ab und spricht einen mahnenden und berührenden Text, in dem er uns auffordert, uns nicht blenden zu lassen von populistischen Führern, die uns allzu einfache Lösungen für vermeintliche Probleme anbieten.

Westliche Kultur ist im Iran verboten. Man darf keine klassische Musik hören, keinen Jazz und keine Popmusik. Nur iranische Folklore.

Doch ist es für die Iraner überhaupt wichtig, westliche Kultur zu erleben oder gar auszuüben? Wieso empört es mich so, dass Jazz, Pop, Klassik und Rock Musik verboten sind? Habe ich das Recht, westliche Kunst in ein Land zu exportieren, das selbst so unermesslich reich an Kunst ist? Braucht der Iran westliche Kultur? Ist unsere Kunst etwa wesentlicher als deren Kunst? Wäre es nicht viel wichtiger, dass die Iraner die Möglichkeit hätten, ihre eigene Kultur, die so reich und um so viele tausend Jahre älter als unsere ist, lebendig zu halten und weiterzuentwickeln? Droht nicht auch uns in Europa in falscher Tradition zu ersticken, wenn wir die Kunst an die politische Entmutigung und Verachtung verlieren?

Kann Theater die Gesellschaft verändern? Kann Theater die iranische oder die amerikanische Gesellschaft verändern? Können Worte und Gesten, Geschichten und Musik überhaupt etwas bewirken? Verändert sich der spielende Mensch durch das Spielen - und das Publikum durchs Zusehen ? Was bedeutet für die Schauspielerinnen in Teheran der Schleier? Und was bedeutet er für die männlichen Schauspieler? Ist er nur ein Werkzeug zur Unterdrückung oder auch ein Instrument der Erotik für den männlichen Blick? Und was bedeutet ein Trainingsanzug? Was sieht ein Iraner, wenn er eine Frau im Trainingsanzug sieht? Ist es das selbe, was ich sehe, nämlich eine Schauspielerin in Arbeitskleidung? Und was sieht eine Iranerin, wenn sie einen tanzenden Mann sieht? Was bedeutet für sie Theater? Und was bedeutet für sie Politik? Welches Leben wünschen sie sich? Wie zivilisiert ist die USA oder gar Österreich? Der Iran oder Persien hat in seit vielen hundert Jahren keinen Krieg begonnen. Was mache also ausgerechnet ich als Österreicher dort? Was sind heute die gültigen Fragen?

"Der Tod dankt ab". Nach meiner Arbeit in Teheran sehe ich Ullmann’s Oper mit völlig anderen Augen. Die physische Erfahrung der Diktatur ging mir durch Mark und Bein. Wäre vielleicht Teheran die richtigere Stadt für Ullmanns „Kaiser von Atlantis“? Und was bedeutet diese Oper eigentlich für New York? Wo ist die Dringlichkeit für Oper an sich in der amerikanischen Gesellschaft? Ist die Oper nicht auch hier eine fremde elitäre Kunst, die von einer Minderheit für eine Minderheit gemacht wird? Wozu Ullmann in New York? Hier überstrahlt die gentrifizierte Stadt die Ungeheuerlichkeiten der amerikanischen Politik. Die schrittweise Aufgabe der persönlichen Freiheiten in den letzten zehn Jahren zugunsten eines vermeintlichen Antiterrorkrieges verblasst gegen den Glanz der Schaufenster in der Fußgängerzone am blitzsauberen renovierten Times Square. Die Armen müssen woanders hin, ausgeschlossen und ausgegrenzt aus dem elitären Kunst- und Konsumgenuss.

Wie erzähle ich hier von einer Utopie der Freiheit, die ein Komponist mit dem Leben bezahlt hat, hier, wo niemand vor irgendetwas Angst haben muss, solange er seine persönlichen Daten und seine Fingerabdrücke immer und überall preisgibt und allenfalls bereitwillig seine Kreditkarte zückt? Angst vor der USA hat man nur im Ausland. Nur dort kennt man Guantanamo, Abu Graib oder Kabul. Denn in New York kennt man den Krieg nur aus dem Fernsehen und sieht die Folterknechte und Henker aus der selben Distanz wie einen Hollywoodfilm.

Ein Mitgefangener Viktor Ullmann’s hat die Partitur aus dem Konzentrationslager geschmuggelt und so für die Nachwelt gerettet. Nach dem Krieg, 1975, wurde das Manuskript zufällig in Amsterdam auf einem Dachboden entdeckt und dort noch im selben Jahr uraufgeführt. George Tabori hat sie in den 80-ger Jahren in der Wiener Kammeroper fulminant inszeniert und mittlerweile ist sie wohl zu einer der am häufigsten gespielten Opern des 20. Jahrhunderts geworden. Das Werk ist eine der besten Opern ihrer Zeit, auch wenn man sie losgelöst von ihrer Entstehungsgeschichte betrachten würde. Es ist ein großes, wunderbares Werk.

In New York fürchtet man sich vor Teheran, deutet bei der Einreise auf meine vielen „Iran Visa“ im Pass und fragt misstrauisch, was ich denn dort verloren hatte. Und in Teheran fürchtet man sich vor den USA, verweigerte mir um ein Haar die neuerliche Einreise und wollte wissen, wieso ich in so kurzer Zeit so oft hin- und herfliege.

Beide Welten sind unfrei. Überall Misstrauen, Fingerabdrücke und Kontrollen. Überall stundenlange Fragen.

Einmal ist es die Unfreiheit, ein Haarshampoo im Handgepäck zu transportieren und sämtliche Reisebewegungen registrieren zu lassen und einmal die Unfreiheit mit einer Frau unbehelligt alleine auf der Straße zu gehen.

Das Theater kann die Welt nicht verändern, trotzdem müssen wir es machen, damit wir etwas ganz Zerbrechliches am Leben erhalten, das uns in unserem Menschsein ausmacht, egal in welchem Land wir leben: Die Poesie des Unvollkommenen.

© Markus Kupferblum, 2012